64. NORDBAU NEUMÜNSTER | 11. - 15. September 2019 | Mittwoch - Sonntag

Infrastrukturstrategien für den Wohnungsbau

Interview mit Dietmar Walberg, Geschäftsführer Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen e.V., Kiel
Fragen: Signe Decker, Redaktion DETAIL transfer

HL Ratzeburger Allee
© Lübecker Bauverein

In wie weit spielen beim Wohnungsbau Mobilitätskonzepte eine Rolle?

Mobilitätskonzepte spielen eine zunehmend wichtige Rolle. Bei den Gestehungskosten von Gebäuden spielt die Unterbringung des ruhenden Verkehrs die größte Rolle. Insbesondere dann, wenn man PKW unter dem Gebäude unterbringen muss. Auf verdichteten Grundstücken ist es nicht immer möglich, PKW Stellplätze oberirdisch anzubieten, sondern muss Tiefgaragen bauen. Das bedeutet, dass fast ein Viertel der Bauwerkskosten dafür aufgewendet wird, um PKW unterzubringen und das ist weder zeitgemäß noch zukunftsfähig. Ich muss an jeder Stelle überlegen, wie man den Bewohnern etwas anbieten kann. Das kann Car-Sharing sein, aber natürlich auch vernünftiger ÖPNV. Und das ist im Wohnungsbau untrennbar mit übergeordneten Mobilitätskonzepten verbunden. Wenn Städte entlastet und Wohnraum im Umland oder auch entfernteren Gemeinden geschaffen werden soll, muss auch überlegt werden, wie die Menschen, da hin und auch wieder wegkommen.

Wie kann man das realisieren? Hier sind ja mehrere Akteure im Spiel?

Das ist genau der Punkt. Wohnungsbau und Stadtplanung und Landesplanung funktioniert eben nicht mit Scheuklappendenken. Die Landesentwicklungsplanung befreit nun Kommunen und Gemeinden von der Wachstumsbegrenzung, die sich nicht weiter entwickeln sollten, weil sie die Obergrenze dessen erreicht haben, was landesplanerisch als sinnvoll erachtet wurde.  Nun haben sie die Möglichkeit, Neubaugebiete zu erschließen. Neue Baugebiete bestehen aber eben nicht nur aus einem Platz, an dem ich Wohnraum schaffe, sondern ziehen einen Rattenschwanz an Infrastrukturnotwendigkeiten nach sich. Soziale Infrastrukturen, wie Kindergärten, Schulen, ärztliche Versorgung, aber eben auch, wie die Menschen dorthin kommen. Hier muss Infrastruktur, Verkehr, Bildung, Wohnungsbau ineinandergreifen, sonst funktioniert das nicht.

Wie soll das konkret aussehen? Wie schafft man ein Ineinandergreifen aller Beteiligten?

Schleswig-Holstein hat in den Boom Zeiten des Wohnungsbaus, nach den großen Flüchtlingsströmen der 40er, in den 50er und 60er Jahren, jährlich 21.000 Wohnungen gebaut. Und die sind nicht entstanden, ohne dass genau darüber nachgedacht wurde, wie diese unter den damaligen Aspekten versorgt werden. Das ist heute genauso wieder gefragt. Es muss Querschnittsnachdenken stattfinden. Nur weil Kiel es alleine nicht schafft, das Wachstum zu beherrschen, können wir nicht in beliebigen Städten im 30 km Umkreis Wohnungen entstehen lassen, ohne dort entsprechend auch Infrastruktur vorzuhalten. Ich muss Bahnstrecken wieder reaktivieren, ich muss über Busverkehre nachdenken, ich muss aber vor allen Dingen auch Geld in die Hand nehmen, um den Kommunen, die Infrastruktur z. B. die Kindertagesstätten zu bezuschussen, die sie brauchen, um überhaupt jungen Familien angemessenen Wohnraum anbieten zu können.

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