63. NORDBAU NEUMÜNSTER | 5. - 9. September 2018 | Mittwoch - Sonntag

Interview mit Architekten zu BIM


Architekten dürfen wieder Architekten sein

Interview mit Hanns-Jochen Weyland, Störmer Murphy and Partners, Hamburg und Daniel Mondino, CORE architecture, Hamburg

Fragen: Heike Kappelt, Redaktion DETAIL transfer

Für Architekten, Fachplaner, Bauherrn und Bauproduktehersteller wird der digitale Planungs- und Bauprozess immer wichtiger. Mit „beispielhaften Aspekten zum Anfassen“ an über 20 Hotspots und einem BIM Forum greift die NordBau das Thema in diesem Jahr auf. Schwerpunkt ist „Bauen digital“ in seiner ganzen Komplexität - vom Planen über das Errichten bis zum Betrieb. Was sagen Architekten, deren Büros bereits auf BIM setzen? Was ist der Mehrwert für die am Planen und Bauen Beteiligten? Worauf ist bei der Einführung zu achten? DETAIL hat zwei erfahrene Architekten und Referenten beim BIM Forum am 15. September befragt.

Hanns-Jochan Weyland
Hanns-Jochan Weyland
Daniel Modino
Daniel Modino

Herr Weyland, Herr Mondino, Sie beide arbeiten in Büros, in denen BIM aktiv genutzt wird. Was war die Motivation, sich mit der neuen Arbeitsmethode auseinander zu setzen?

Weyland: Unser Büro hat vor etwa drei Jahren begonnen, sich mit den Planungsprozessen innerhalb des eigenen Arbeitsumfeldes zu beschäftigen. Erste Erkenntnis war, dass man in Zukunft die zunehmend komplexen Aufgaben nicht mehr in angemessener Form bewältigen kann. Daraus entwickelten sich neue Arbeitsweisen und die Beschäftigung mit dem Themenkomplex BIM. Wir sind auf einem guten Weg, dennoch würde ich sagen, dass wir BIM im Sinne einer umfassenden Methode noch nicht anwenden.

Mondino: Wir haben mit BIM gearbeitet, bevor die Methodik Gegenstand der allgemeinen Diskussion wurde. Unsere Motivation war es, bürointerne Prozesse zu optimieren. Jetzt heißt das Ganze eben BIM. Uns ging es nicht darum, alte Methoden effizienter zu nutzen, sondern sich zu überlegen, wie wir besser arbeiten könnten. In erster Linie ging es darum, doppelte Arbeit durch das wiederholte Eingeben von Informationen zu vermeiden und dadurch auch Risiken zu minimieren.


Was waren die Hürden?

Weyland: Veränderung von eingeübten Arbeitsabläufen bedeutet immer, Wiederstände auf verschiedenen Ebenen zu überwinden. Plausibilität und Kommunikation bilden das Rückgrat für die Integration der handelnden Personen. Management und Mitarbeiter müssen sich über die Zielsetzung des Wandels und die Vorteile einig sein. Dann heißt es dranbleiben und das Tal der Ernüchterung durchschreiten.

Mondino: Die Mitarbeiter mussten ihre „alte“ Art zu arbeiten aufgeben und sich auf die neuen Prozesse einstellen. Das ist nicht allen leicht gefallen. Die Technik war anfangs noch nicht so ausgereift, dass alle Prozesse fehlerfrei ineinandergreifen konnten. Wir haben verschiedene Programme ausprobiert und in den Workflow integriert, zunächst intern, später auch mit den Planungspartnern.


Was sind die Vorteile für Ihr Büro?

Weyland: Architekten dürfen wieder Architekten sein. Sie sind nicht mehr als planende Bauzeichner damit beschäftigt, Grundriss und Schnitte in Einklang zu bringen. Dies führt zu einer Effizienzsteigerung in der Planung. Durch die Modellierung der Gebäude können wir die räumliche Konstellation sofort überprüfen und zusätzliche Informationen in den Entwurfsprozess integrieren.

Mondino: BIM macht unsere Prozesse schlanker und transparenter. Aus Schnittstellen werden Nahtstellen. Die frühe Auseinandersetzung mit BIM hat uns darüber hinaus die Möglichkeit gegeben, die Einführung in Deutschland mitzugestalten und Entwicklungen früh zu erkennen. BIM ist für uns eine Fähigkeit, mit der wir auch in Zukunft am Markt bestehen können.


Wie entscheidend ist die Projektgröße?

Mondino: Wir bearbeiten alle Projekte modellbasiert, die Projektgröße spielt keine Rolle. In allen Projekten braucht es konsistente Daten und die Übergabe von einem Prozessschritt in den nächsten, sei es für eine Kostenkalkulation oder für eine Ausschreibung.

Weyland: Ich denke auch, dass die Größe des Projektes nicht der entscheidende Maßstab ist. Die Sinnfälligkeit der Bearbeitung außerhalb der klassischen Methode muss im Einzelfall geprüft werden. Bei Bestandsbauten spielt die Komplexität der Architektur und deren Dokumentation eine wesentliche Rolle. Darüber hinaus sind die Fähigkeiten der Planungspartner ein entscheidendes Kriterium für die Anwendung neuer Planungsmethoden.


Arbeiten im BIM-Netzwerk: Eine Chance auch für kleine Büros?

Mondino: Dem Arbeiten in Netzwerken gehört die Zukunft. Damit erhalten kleine Büros die Möglichkeit, Kompetenzen zu bündeln und zusammen mehr digitale Kompetenz einzubringen, als manches große Büro. Über modellbasiertes Arbeiten vereinfachen sie die einzelnen Prozessschritte und können mit kleinerer Mannschaft mehr erreichen.

Weyland: Sicher ist der Austausch von technischem Know-how eine Möglichkeit für kleine Büros, an der Weiterentwicklung teil zu haben. Dies ersetzt aber nicht die Notwendigkeit, auf Managementebene neue Strategien und Haltungen zu entwickeln um BIM auf betrieblicher Ebene umzusetzen.


Was ändert sich im Entwurfsprozess?

Weyland: Nicht viel. Wir arbeiten seit über 15 Jahren digital, wir haben keine Schienen mehr auf den Tischen und die Beteiligten tauschen die gesamte Planung digital aus. Skizzenpapier behält trotzdem seinen Platz als Entwurfswerkzeug.

Mondino: Im Entwurfsprozess muss sich zunächst noch nichts ändern, weil die Gestaltung eines Bauwerks nichts mit den Werkzeugen zu tun hat, die wir dafür nutzen. Digitale Hilfsmittel sind schon lange im Entwurfsprozess etabliert, beispielsweise für parametrische Fassadenentwürfe oder die Baukörpergestaltung. Viele komplexe Entwürfe sind ohne digitale Entwurfsunterstützung heute nicht mehr denkbar. BIM bindet hier prozessual einzelne Arbeitsschritte konsistent, ohne Informationsverlust, zusammen. Wichtig ist, dass die Daten verlustfrei im nächsten Schritt ankommen.


Welche Chancen eröffnet die BIM Methode für den Architekten?

Mondino: Wenn wir besser kommunizieren, können wir Fehler oder Ungereimtheiten bereits in der Planung aufdecken. Indem wir darüber hinaus den Lebenszyklus von Bauwerken optimieren, reduzieren wir Risiken und Verluste, seien es Informationsverluste, Qualitätsverluste, Nutzungseinschränkungen oder Materialverluste, die durch falsche Bestellungen oder fehlerbedingte Umbauten entstehen. Für den Architekten eröffnen sich damit auch neue Geschäftsfelder.

Weyland: BIM ist ein weiterer Schritt zur integrativen Planung und hat die Chance, neue entwerferische Impulse zu setzen.


Wer sind die Treiber im Markt: die öffentliche Hand, der Bauherr, der Betreiber? Wer profitiert?

Mondino: Die Treiber sind zurzeit unterschiedliche Akteure. Allen voran sind es die Bauunternehmen, die modellbasierte Prozesse einsetzen, um Risiken in der Kalkulation zu reduzieren. Betreiber von Immobilien sehen in BIM das Potential, die Anliegen des Betriebs in die Planung früher als bisher einzubringen. Weil sie es sind, die falsche Entscheidungen in der Planung später in einem dadurch erschwerten Betrieb „ausbaden“. Dadurch hat auch der Eigentümer einen Vorteil aus modellbasierten Prozessen. Und die öffentliche Hand sieht hier die Möglichkeit, Termine und Kosten ihrer unter Beobachtung stehenden Projekte zu verbessern.

Weyland: Wir haben bei der Initiierung des Wandlungsprozesses vor allem darauf geachtet, dass wir als Büro profitieren. Bei der Umsetzung spielen die erweiterten technischen Möglichkeiten der Software eine große Rolle in Hinblick auf den Prozess und die Geschwindigkeit. Aus unserer Sicht sind die meisten Akteure noch nicht in der Lage, die Vorteile einer Bearbeitung im Sinne von BIM für sich zu nutzen und daher auch eher abwartend und unsicher in der Anwendung und Verbreitung. Dies wird sich sicherlich in den nächsten Jahren stark wandeln. Jede Klientel, die Vorteile aus BIM generieren kann, wird auf den Zug aufspringen.


Digitale Planungswerkzeuge und Datenaustausch: Wo stehen wir in Deutschland? Wie sieht es aus mit nationalen und internationalen Standards?

Mondino: Wir stehen in Deutschland ganz gut da. DIN und VDI arbeiten an den notwendigen Standards und tauschen sich mit der europäischen CEN-Ebene aus.

Weyland: Der Ruf nach nationalen oder gar internationalen Standards ist unserer Ansicht bei der Heterogenität der Anforderungen nicht zielführend. Vielmehr benötigen wir funktionierende Schnittstellen, um die komplexen Daten miteinander auszutauschen und in Beziehung zu setzen. Wir müssen nicht die gleiche Sprache sprechen, sondern uns und die Anderen verstehen.


CAD, BIM und modellbasierte Fertigung? Ist das für Ihre Büros relevant?

Mondino: Ja, klar!

Weyland: Wir haben in den letzten Jahren mehrfach digitale Fertigung im Bauprozess angewendet. Ich denke, das wird im Gesamtkomplex Gebäude künftig weiter zunehmen und zu Optimierungen in der Herstellung von Bauteilen und deren Montage führen.


Welche Risiken gibt es beim Arbeiten mit BIM? Welche rechtlichen Fragen sind im Vorfeld unbedingt zu klären?

Mondino: Die entscheidende Frage ist: Wann muss was wofür in welcher Qualität geliefert werden. BIM muss sehr genau beauftragt werden. Dabei sind nicht nur Rechtsanwälte gefragt, sondern auch Spezialisten für modellbasiertes Arbeiten, die die Auftraggeber entsprechend beraten.

Weyland: Informationen erzeugen kein Wissen. Beim Arbeiten mit Gebäudemodellen, die in frühen Leistungsphasen mit Informationen mit hoher Bandbreite angereichert werden, kann das zu unerfüllbaren Erwartungen führen. Um auch die rechtliche Situation an die neuen Bedingungen anzupassen, müssen Verantwortungen neu definiert und unter den Planungsbeteiligten neu verteilt werden.


Wann kommt die digitale Baustelle?

Mondino: Sie ist schon da.

Weyland: Wenn die Anforderungen an einen digitalen Bauprozess den wirtschaftlichen Bedingungen übergeordnet werden. In Teilbereichen ist dies schon Realität und weitere Bereiche werden folgen, wenn die Technologie eine sinnvolle und kosteneffiziente Ergänzung darstellt.


Was kann BIM definitiv nicht?

Mondino: Den Menschen mit seiner Kreativität ersetzen.

Weyland: Wie alle Methoden und Arbeitsweisen hat auch BIM Systemgrenzen. Erwartungen, politische, gesellschaftliche oder finanzielle Probleme mit BIM zu lösen, werden ebenso scheitern, wie die Erwartung durch Prozessablaufpläne zu einer kooperativen und kollegialen Arbeitsatmosphäre zu gelangen.


Wo sehen Sie BIM in Ihrem Büro in fünf Jahren?

Weyland: Als selbstverständliche Arbeitsweise, die man nicht mehr gegen innere und äußere Wiederstände auf technischer, organisatorischen oder kultureller Ebene durchsetzen muss.

Mondino: In fünf Jahren wird „BIM“ im heutigen Sinn Normalität sein. Wir werden uns viel mehr mit der allgemeinen Digitalisierung, auch unsers Berufstandes, beschäftigen. Dabei werden dann möglicherweise auch unsere Büros ganz anders funktionieren.